Neue Chance für Styropor: WDVS-Recycling greifbar nah

Zukunft Polystyrol: WDVS-Recycling greifbar nah
Dämmungen mit expandierendem Polystyrol (EPS), umgangssprachlich als Styropor bekannt, sind in der Vergangenheit stark in Verruf geraten, da alte, verbaute Dämmplatten meist HBCD enthalten und damit als „gefährlicher Abfall“ deklariert sind. Nach dem Entsorgungsdebakel der HBCD-haltigen Abfallstoffe, dürfen diese seit Mitte letzten Jahres wieder in normalen Verbrennungsanlagen entsorgt werden, allerdings unter hohen Nachweisauflagen. Besser als Verbrennen ist aber zweifelsohne das Recyceln. So könnten CO2-Emissionen gesenkt und gleichzeitig neue Rohstoffe gewonnen werden, die wieder zur Herstellung neuer Produkte verwendet werden könnten. Doch das Recycling von EPS-Dämmplatten, die mit allerhand Baustoffen verschmutzt sind, ist kompliziert. Jetzt scheint ein Durchbruch geschafft.

Malerblog.net berichtete bereits im Jahr 2014 von einem bahnbrechenden Recyclingprozess, dem sogenannten CreaSolv®-Verfahren, das sich zum damaligen Zeitpunkt als Forschungsprojekt aber noch in der Testphase im Labor befand (https://www.malerblog.net/das-geht-jeden-maler-an-neues-verfahren-fuer-wdvs-recycling/). Was damals ein vielsprechender Ansatz war, wird jetzt zunehmend Realität. In Terneuzen, einer Gemeinde im Südwesten der Niederlande, entsteht derzeit eine Pilotanlage, die zukunftsweisend ist. An diesem groß angelegten und von der EU geförderten Projekt sind weit über 50 Unternehmen und Verbände beteiligt. Die Anlage soll bis Ende 2018 den Betrieb aufnehmen und bis zu 3.000 Tonnen Polystyrolabfälle recyceln können. Der deutsche Industrieverband Hartschaum ist aktiv an diesem Projekt beteiligt. Malerblog.net sprach mit Ulrich Meier, dem Geschäftsführer des Industrieverbands für Hartschaum (IVH), über dieses außergewöhnliche Projekt, den Recyclingprozess und was dieses Projekt für die Zukunft von Polystyroldämmung bedeutet.

Ulrich Meier, Geschäftsführer des Industrieverbands für Hartschaum (IVH), Foto: IVH

Herr Meier, was genau verbirgt sich hinter PolyStyreneLoop? Wer ist daran beteiligt und was ist das Ziel?
PolyStyreneLoop, kurz PSLoop, steht für die praktische Umsetzung eines wegweisenden Recyclingprozesses im industriellen Maßstab für HBCD-haltige EPS-Dämmstoffabfälle. Dabei werden aus solchen Abfälle, die seit circa 3 Jahren und auch zukünftig nur bei Rückbau- oder Umbaumaßnahmen anfallen, neue, hochwertige Rohstoffe gewonnen.

Im Recyclingprozess werden alle Verunreinigungen wie Putze oder sonstige Baustoffrückstände vom EPS-Grundstoff Polystyrol getrennt, und das alte Flammschutzmittel HBCD wird zerstört. Wertvolle Stoffkomponenten werden zurückgewonnen und können zur Produktion neuer Materialien eingesetzt werden.

Konkret verbirgt sich hinter der Bezeichnung PolyStyreneLoop ein europäisches Projekt zum Bau einer Pilotanlage in den Niederlanden und der dann folgenden Anwendung des Recyclingprozesses im CreaSolv®-Verfahren im großen Stil.

Welche große Bedeutung die deutsche EPS-Industrie diesem Projekt beimisst, zeigt unter anderem die aktive Mitarbeit des Industrieverband Hartschaum bei PSLoop und zusätzlicher unterstützender Projektaktivitäten von IVH-Mitgliedsfirmen. Insgesamt beteiligen sich 58 Unternehmen und Verbände an dem von der EU unterstützten Projekt.

Was passiert beim Recyclingprozess nach dem CreaSolv®-Verfahren? Was ist das Besondere daran?
Im Gegensatz zu den derzeit üblichen Entsorgungswegen von Dämmstoffabfällen – der Verbrennung oder der Deponierung -, soll die PSLoop-Recyclinganlage erstmalig die Wiederverwertung von Polystyrolschaumstoff im geschlossenen Kreislauf ermöglichen. Insbesondere EPS-Bauabfälle – ob mit oder ohne Verunreinigungen – sollen sich dadurch verarbeiten lassen. Auf diese Weise können CO2-Emissionen gesenkt sowie Umwelt und Klima geschützt werden. Die PSLoop-Recyclinganlage leistet einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft.

Der Recyclingprozess umfasst drei Schritte: Im ersten Schritt wird der Dämmstoffplattenabfall in Becken mit einem spezifischen Lösemittel aufgelöst. Feste Verunreinigungen (zum Beispiel Schmutz, Putz) werden dann herausgefiltert und anschließend verbrannt. Im nächsten Schritt wird das Polystyrol durch Zugabe einer weiteren Flüssigkeit in ein Gel umgewandelt, während das Additiv HBCD in der Restflüssigkeit verbleibt. Das Gel wird dann von den Prozessflüssigkeiten getrennt, gereinigt und zu Polymergranulat verarbeitet. Die Restflüssigkeit, die das Additiv enthält, wird destilliert und in einem geschlossenen Kreislauf weiterverarbeitet. Das HBCD bleibt als Schlamm zurück. Anschließend wird das im Schlamm enthaltene Additiv HBCD in einer Hochtemperatur-Verbrennungsanlage vernichtet und zuletzt das elementare Brom zurück gewonnen: Die Nutzung des Broms  in modernen Flammschutzmitteln für neue Produkte schließt den Kreislauf.

Wie viel Polystyrol kann in der Anlage in Holland recycelt werden?
Bis Ende 2018 soll die PSLoop-Pilotanlage mit einer Kapazität von 3.000 Tonnen Polystyrolabfälle pro Jahr den Betrieb aufnehmen. Unternehmen aus der gesamten Wertschöpfungskette dieser Schaumstoffe und das LIFE-Programm der Europäischen Kommission stellen die notwendigen finanziellen Mittel bereit. Das Projekt soll die technische, ökonomische und ökologische Tragfähigkeit dieses neuen Recycling-Verfahrens demonstrieren und den Startschuss für den Anlagenbau in ganz Europa geben.

Bis jetzt ist nur von einer Pilot-Anlage in den Niederlanden die Rede. Sind weitere Anlagen geplant? Und wen ja, wo und wie viele?
Die Pilotanlage im niederländischen Terneuzen wird die erste Anlage sein. Wenn sich der Recyclingprozess im industriellen Maßstab bewährt – und davon gehe ich aus -, werden mit Sicherheit weitere Anlagen folgen. Mögliche Standorte sind jedoch unter anderem davon abhängig, welche Mengen an HBCD-haltigen Abfällen aus Rück- und Umbaumaßnahmen zum Beispiel in den verschiedenen europäischen Ländern zu erwarten sind.

Was bedeutet der Vorstoß dieser Recycling-Methode Ihrer Meinung nach für die Zukunft der Dämmung?
Dass Wärmedämmung sich für den Verbraucher lohnt, ist seit langem bekannt und unumstritten. Darüber hinaus trägt eine gute Wärmedämmung durch Energieeinsparung zur Ressourcenschonung bei. EPS als Dämmstoff hat praktische keine Begrenzung seiner Lebensdauer und behält seine sehr guten Wärmedämmeigenschaften über die gesamte Nutzungsdauer unverändert bei.

Durch den Einsatz der EPS-Recyclingmethode PolyStyreneLoop wird am Ende der Dämmstoff-Nutzungsdauer zusätzlich ein geschlossener Kreislauf erzielt, indem neue Rohstoffe gewonnen und für neue Produkte wiederverwendet werden können. Das ist ein zukunftsweisender Weg, der voll und ganz dem Prinzip der Circular Economy, auf Deutsch Kreislaufwirtschaft, folgt und die Nachhaltigkeit von Wärmedämmung mit EPS unterstreicht.

Durch das einzigartige Verfahren können „Abfälle“ zu neuen Dämmplatten generiert werden.

Wie sind die Resonanzen auf die neue Recycling-Methode? Wie reagiert zum Beispiel die Industrie?
Die EPS-Industrie steht voll und ganz hinter diesem Projekt. Die aktuellen Umwelt-Produktdeklarationen weisen zwar für EPS-Abfälle und für Abfälle anderer Dämmstoffe noch die Verbrennung als empfohlene Verwertung aus, aber speziell für EPS-Abfälle bietet sich bei ausreichenden Abfallmengen durch PSLoop die Zurückgewinnung von Ausgangsstoffen an. Dadurch lassen sich zukünftig wertvolle Ressourcen zum Beispiel bei einer Neu-Plattenproduktion schonen.

Aber auch von anderen Seiten ist die Resonanz auf unser Projekt sehr gut. Sowohl Verbraucher, Handwerker, Planer und auch Behörden begrüßen dieses Projekt ausdrücklich.

Vielen Dank, Herr Meier.