Erhöhter Stresspegel – ständige Erreichbarkeit hinterlässt Spuren

Erhöhter Stresspegel – ständige Erreichbarkeit hinterlässt Spuren

24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche erreichbar. Wer solche Worte hört oder liest, denkt sofort an Mitarbeiter, die von ihrem Arbeitgeber nach Feierabend oder am Wochenende, oft sogar im Urlaub einen Anruf, eine E-Mail oder sonstige Messenger-Nachricht erhalten, deren sofortige Bearbeitung erwartet wird. Arbeitsschutz wird in Deutschland groß geschrieben und so ruft ein solches Arbeitgeberverhalten sogleich Betriebsräte, Politiker und Funktionäre auf den Plan. Und das zu Recht, denn ein Mitarbeiter kann nur die erwartete Leistung bringen, wenn er erholt, entspannt und ausgeruht ist. Das Malergewerk gehört aber eher nicht zu den Risikobranchen, in denen eine solche Erwartungshaltung gängige Praxis ist. Im Handwerk zeigt sich vielmehr ein ganz anderes Phänomen.

Chef im Stand-By-Modus
Im Handwerk ist der Betriebsinhaber oft der Leidtragende. Früher hatte der Handwerksmeister auf der Baustelle und in der Regel auch nach Feierabend und am Wochenende seine Ruhe. Er konnte sich auf seine Arbeit konzentrieren oder am Wochenende entspannen. Doch mit der mobilen Telefonie und dem wachsenden Einsatz von Smartphones hat sich das grundlegend geändert. Nicht nur Anrufe erreichen den Handwerksunternehmer noch zu später Abendstunde, vor allem E-Mails, SMS oder Nachrichten über WhatsApp & Co werden zu jeder Tages- und Nachtzeit abgesetzt und machen ihm das Leben „zur Hölle“. Denn getreu dem Motto „der Kunde ist König“ wird der Anruf natürlich angenommen oder die Textnachricht gelesen und bearbeitet. Doch niemand spricht über die geplagten Chefs, die dauerhaft stand-by sind. Dabei haben Handwerksunternehmer und Mitarbeiter eins gemeinsam. Sie sind beide Menschen und damit sind auch die gesundheitlichen Folgen, die durch ständige Erreichbarkeit und das Nicht-Abschalten-Können entstehen, die gleichen. Wird dauerhaft im Stand-by-Modus agiert und können Körper und Geist nicht abschalten und entspannen, steigt der Stresslevel bis sich gesundheitliche Beschwerden bemerkbar machen. Im Gegensatz zum Arbeitnehmer ist der Handwerksunternehmer als Selbständiger für sich selbst verantwortlich. Für ihn werden weder Politiker noch Gewerkschafter kämpfen. Niemand wird die Kunden zu einem faireren Umgang und das Respektieren der Privatsphäre aufrufen. Der Betriebsinhaber muss als Unternehmer für sich selbst sorgen und die richtigen Weichen stellen.

Ein Recht auf Entspannung
Jeder Mensch hat ein Recht auf Abschalten. Dieses Recht auf Entspannung ist im digitalen Zeitalter zu einem ungeschriebenen Grundrecht avanciert. Zwar ist dieses Recht nicht einklagbar, aber fast jeder hatte schon einmal dieses Bedürfnis nach Entschleunigung. Einfach mal durchatmen können. Da viele Kunden selbst um diese Problemstellung wissen und privat oder beruflich schon einmal „nach Luft gehechelt“ haben, wissen sie nur allzu gut wie wichtig solche Entspannungsphasen für das gesundheitliche Wohlbefinden sind. Die meisten Kunden bringen daher Verständnis auf, wenn sie nicht sofort eine Antwort erhalten, sondern zu den üblichen Bürozeiten zurückgerufen oder ihre E-Mail beantwortet werden. Oft macht sich der Unternehmer selbst den Druck und glaubt 24 Stunden für seine Kunden erreichbar sein zu müssen. Doch nicht immer handelt es sich um Notfälle. So gibt es im Malerhandwerk keine Notdienste wie bei Betrieben der Gebäudetechnik. Nicht jeder Kunde erwartet daher bei einem Maler sofort eine Antwort auf seine WhatsApp-Nachricht oder seine E-Mail, die er noch am Abend zu später Stunde oder am Wochenende absetzt. Er hat sie geschrieben, da er gerade Zeit dafür hatte. Nur der Handwerker macht sich den Stress selbst und checkt noch vor dem Zubettgehen schnell die E-Mails, um dann mit Problemstellungen konfrontiert zu werden, die ihm den nächtlichen Schlaf rauben. Warum tut er das? Hätte er sie erst am nächsten Morgen im Büro gelesen und bearbeitet, hätte er wertvolle Lebenszeit gespart und einen erholsamen Schlaf finden können. Dieses kleine Beispiel verdeutlicht, dass Stress nicht immer von außen an uns herangetragen wird, sondern dass Stress oft hausgemacht ist. Mit ein paar organisatorischen Regeln ließe sich schnell Druck und damit Stress aus dem Alltag herausnehmen.   

Bewusst Grenzen ziehen
Jeder Mensch ist anders. Es gibt Menschen, die können gut mit dem ständigen „Stand-by-Modus“ umgehen. Sie müssen nichts ändern. Wer aber das Gefühl hat, dass die Familie zu kurz kommt, Ehepartner und Kinder in der Freizeit immer an zweiter Stelle stehen, die innere Unzufriedenheit steigt und sich erste gesundheitliche Beschwerden bereits bemerkbar machen, der sollte dringend umdenken. Ein Schlagwort der Neuzeit lautet „Work-Life-Balance“. Work-Life-Balance steht für ein ausgewogenes Verhältnis von Beruf- und Privatleben. Genau daran gilt es zu arbeiten. Am einfachsten gelingt dies, wenn sich der Malerunternehmer selbst Regeln an die Hand gibt, die er natürlich auch einhalten sollte. Textnachrichten gleich welcher Art werden nur zu bestimmten Zeiten gecheckt und anschließend bearbeitet. Es gibt Betriebsinhaber, die sind Kontrollfreaks. Von ihnen wird gerne folgendes Vorgehen praktiziert: E-Mails, die im Büro ankommen werden zeitgleich auf dem Smartphone angezeigt. Ob dies wirklich eine gute Idee ist, ist fraglich. E-Mails können ohnehin nur einmal bearbeitet werden, warum also dann nicht im Büro, statt unterwegs auf der Baustelle oder Zuhause sich mit den Inhalten zu belasten. „Mehrgleisiges Fahren“ ist nicht nur zeitraubend, sondern häufig ineffizient. Für Textnachrichten, die über Messengerdienste versendet werden, gilt ebenfalls: Sie werden zu festen Tageszeiten gecheckt. Nach Feierabend ist damit Schluss. Und wer überdurchschnittlich viele Kundenanrufe nach Feierabend erhält, sollte über ein Diensthandy nachdenken, das nach Feierabend einfach ausgeschaltet wird.

Eine Welt, die immer digitaler und immer schneller wird, bedarf der Entschleunigung. Ob dies gelingt,  hängt von den Protagonisten ab. Der Malerunternehmer hat es selbst in der Hand zur Entschleunigung seines Lebens beizutragen. Er sollte es anpacken.