Rechenzentren, Cloud & Co: Unser digitaler Lebensstil ist ein Klimakiller

Rechenzentren, Cloud & Co: Unser digitaler Lebensstil ist ein Klimakiller

Unglaublich, aber wahr: Rund 65 Stunden in der Woche verbringen die Deutschen online. In der Coronazeit haben sie ihr Onlinezeit nochmals um 9 Wochenstunden im Vergleich zum Vorjahr erhöht. Allein 19 Stunden der gesamten Onlinezeit entfallen dabei auf das Smartphone. Die unter 40-Jährigen verbringen im Durchschnitt sogar rund 86 Stunden in der Woche im Web. Das sind mehr als zwei Vollzeitjobs. Mehr als ein Drittel der Zeit, 31 Stunden, wird dabei das Smartphone genutzt. Dieses Ergebnis brachte die Postbank Digitalstudie 2021 zutage.


Rund 65 Stunden in der Woche verbringen die Deutschen online. 
Quelle: Postbank Digital Studie 2021

 

Jetzt werden viele Leser denken: Ständig mit abgesenktem Kopf in ein Smartphone zu schauen, ist auf Dauer vielleicht nicht gesund, aber dem Klima schadet es ganz sicher nicht. Weit gefehlt. Der Stromverbrauch bei der Nutzung von Smartphone, Laptop, Desktop-PC oder gar Firmenserver beschränkt sich nicht auf das Aufladen der Mobilgeräte oder den Stromanschluss der stationären Geräte. Mit der täglichen Internetnutzung ist ein weitaus größerer Energieverbrauch und CO2-Ausstoß verbunden als gedacht. Ein von KFW Research beauftragtes Forschungskonsortium geht davon aus, dass in Deutschland bereits 8 bis 9 Prozent des gesamten Stromverbrauchs auf die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) entfallen. Der auf die Digitalisierung entfallende Treibhausgasausstoß in Deutschland wird von diesen Experten auf aktuell mindestens 34 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr taxiert. Dieses Studienergebnis lässt aufhorchen.

Die Ökobilanz des Internets
Ist von Klimaschutz die Rede, geht der erhobene Zeigefinger immer nur in Richtung Auto, Flugreisen, Glühlampen, Papierverbrauch und Fleischkonsum. Wenig populär ist dabei die Betrachtung des Internets, obwohl vor dem angestrebten Ziel der Klimaneutralität hier dringender Handlungsbedarf besteht. Denn um die Ökobilanz des Internets steht es nicht gut.


Der Versand und das Lesen einer normalen E-Mail entspricht der Klimabilanz einer Plastiktüte.
Quelle: arte.tv

 

Die Internetnutzung hat nicht nur in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Sie wird auch in den kommenden Jahren eine weitere Zunahme verzeichnen. Um national, aber auch international wettbewerbsfähig zu bleiben, benötigt die deutsche Wirtschaft digitale Technologien und sie wird daher die Digitalisierung in den nächsten Jahren noch weiter ausbauen müssen. Aber auch privat hat sich die Internetnutzung längst als feste Größe des Alltaglebens etabliert. Ein Leben ohne soziale Plattformen, Streamingdienste, Online-Shopping, Online-Banking, Messenger-Dienste, E-Mails und vieles mehr ist für die meisten Menschen nicht mehr vorstellbar.


40 Google-Suchanfragen stoßen so viel CO2 aus wie eine 12-Watt-Energiesparlampe pro Stunde.
Quelle: swrfernsehen.de

 

Doch jeder einzelne Nutzer muss wissen: Jede Interaktion mit dem Internet, egal ob es sich um eine Suchanfragen, Onlineüberweisungen, Instagram-Fotos, Facebook-Posts, ein schlichtes Like oder die umfassende Nutzung von Cloud-Software handelt, benötigt jede Menge Speicherplatz und damit Energie. All diese Daten schweben nicht in der Luft, auch wenn der Begriff „Cloud“ dies nahelegt und sofort mit sauber, rein und keineswegs klimaschädlich assoziiert wird. Niemand denkt beim Abschicken einer E-Mail oder einer schlichten Suchanfrage daran, dass irgendwo auf der Welt ein Rechner anspringt und dahinter vermutlich ein Atom- oder Kohlekraftwerk steht, das den Strom liefert. Doch genau das passiert: Die Daten liegen in Rechenzentren. Das sind Gebäude, die ausschließlich aus Servern bestehen. Solche Serverfarmen sind wahre Stromfresser und Umweltsünder.  


Streaming war im Jahr 2018 für einen Ausstoß an Treibhausgasen verantwortlich, der genauso hoch war wie der Spaniens.
Quelle: swrfernsehen.de

 

Online die Umwelt verschmutzen
Das liegt zum einen daran, dass in Rechenzentren Unmengen an Daten gespeichert und verarbeitet werden. In Deutschland soll es allein 50.000 Rechenzentren geben, wobei Frankfurt am Main als digitales Drehkreuz gilt. Doch nicht nur der Betrieb der Server verbraucht Unmengen an Energie. Die immensen Rechenleistungen produzieren Wärme und das nicht zu knapp. Um die Server vor Überhitzungen zu schützen, müssen die Räume gekühlt werden und das frisst wieder jede Menge Energie.


Die Rechenzentren in Frankfurt am Main verbrauchen mehr Strom als der Frankfurter Flughafen. Mit 1,3 Terawattstunden waren sie im Jahr 2018 für 20 Prozent des Stromverbrauchs in Frankfurt verantwortlich. 
Quelle: tagesschau.de

 

Last but not least darf bei den Rechenzentren nicht vergessen werden, dass sie die permanente Erreichbarkeit sicherstellen müssen, das heißt ein Stromausfall darf zu keinem Supergau führen. Daher kommen Notstromaggregate zum Einsatz, um die Stromzufuhr sicherzustellen. Während bei kurzen Ausfällen Batteriespeicher die erforderliche Energie liefern, werden längere Ausfallzeiten mit dieselbetriebenen Generatoren überbrückt. Doch diese kommen nicht nur bei Stromausfällen zum Einsatz. Deren Funktionstüchtigkeit muss bei regelmäßigen Probeläufen überprüft und sichergestellt werden. Hohe Schornsteine an den Gebäuden zeugen von den abzuleitenden Diesel-Abgasen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in Europa Autos mit Verbrennungsmotor verboten werden. An Dieselmotoren in Rechenzentren stört sich die Politik derzeit offenbar wenig und kaum ein User weiß darüber Bescheid.


Allein die weltweiten Rechenzentren, die das Web am Laufen halten, produzieren rund 800 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr – das entspricht den jährlichen Treibhausgas-Emissionen ganz Deutschlands.
Quelle: galileo.tv

 

Bis zum Jahr 2045 will Deutschland klimaneutral werden. Auch viele Unternehmen streben Klimaneutralität an. Doch wer Klimaschutz will, muss auch die digitale Welt im Blick haben. Solange sich Internetaktivitäten aber nicht als CO2-Fußabdruck bewerten lassen, ist es für Unternehmen und Privathaushalte unmöglich, eine eigene, aussagekräftige Klimabilanz aufzustellen. So trägt jeder Internetnutzer seinen Anteil an der durch Rechenzentren verursachten Umweltverschmutzung, ohne jedoch zu wissen, wo hoch sein Part ist.


Die französische Fernsehanstalt France Télévision hat berechnet, dass ein Angestellter bei durchschnittlichem E-Mail-Verkehr pro Tag genauso viele Treibhausgase produziert wie bei einer 11 Kilometer langen Autofahrt. Dazu kommen circa 12 Liter Wasser für die Kühlung von Servern.
Quelle: arte.tv

 

Transparenz für ein besseres Klima
Jens Gröger vom Öko-Institut in Berlin hat im Gespräch mit Kathrin Kühn vom Deutschlandfunk auf dem Weg zur Klimaneutralität mehr Transparenz von Rechenzentren gefordert. Gröger sagt: „Im ersten Schritt ist sicherlich so etwas wie Transparenz nötig, wir müssen überhaupt mal mehr darüber erfahren. Und auch die Betreiber von Clouddiensten, wenn ich ein Videostreaming oder ein Übersetzungsprogramm oder was auch immer in Anspruch nehme, möchte ich natürlich wissen, was hat es für einen Umwelt-Fußabdruck. Da muss Transparenz her, Rechenzentrumsbetreiber müssen genau wie alle anderen Branchen auch darüber berichten, wie viel Strom sie verbrauchen. Dadurch kann ich ja letztlich einen Wettbewerb herstellen, dass ich die energieeffizientesten Dienste in Anspruch nehme oder fördere oder andere eben abschalte. Dadurch kann ich praktisch die Digitalisierung an sich in eine positive Richtung treiben.“ 

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Natürlich lassen sich Daten auch ökologisch und ethisch vertretbar lagern und verarbeiten. Doch ohne den nötigen politischen Druck wird sich nur schleppend etwas verändern. Die Zeit drängt. Denn mit zunehmender Datenmenge wird auch die Bedeutung von Rechenzentren in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Das Thema verdient mehr Aufmerksamkeit und keinen weiteren Aufschub.