Handwerk sucht Nachwuchs – Studienabbrecher sucht Job

Handwerk sucht Nachwuchs: Studienaussteiger im Fokus

Es ist ein offenes Geheimnis: Im Handwerk herrscht Nachwuchsmangel. Viele Betriebe klagen darüber, keine geeigneten Bewerber für ihre Unternehmen zu finden. Gleichzeitig brechen viele Studierende ihr Studium ab. So lag die Abbrecherquote in den Bachelorstudiengängen im Absolventenjahrgang 2018 bei 27 Prozent (Quelle: statista.com). Damit bricht fast jeder Dritte Studierende sein Studium ab. Unter diesen Studienabbrechern könnten sich interessante Nachwuchskräfte fürs Handwerk befinden. Doch viele Handwerksbetriebe haben diese jungen Menschen als mögliche Nachwuchskandidaten gar nicht auf dem Schirm. Die Initiative „Karriereprogramm Handwerk“ der Handwerkskammer Unterfranken bringt beide Parteien zusammen.

Malerblog.net hat bereits im Jahr 2014 ausführlich über die innovative Kampagne berichtet und sprach jetzt erneut zum Thema mit Andrea Sitzmann, Leiterin des Geschäftsbereichs Berufsbildung der Handwerkskammer für Unterfranken. Sitzmann erzählt über ihre Erfahrungen der letzten Jahre, die Motivation und Erwartungshaltung der Studienaussteiger und dem durchweg positiven Feedback der teilnehmenden Ausbildungsbetriebe.

Andrea Sitzmann, Leiterin des Geschäftsbereichs Berufsbildung der HWK Unterfranken, Foto: privat

Seit 2012 ist die Initiative „Karriereprogramm Handwerk“ am Start. Malerblog.net hat in 2014 darüber berichtet. Inwieweit hat sich das Projekt seitdem etabliert, weiterentwickelt und verändert?
Das Projekt „Karriereprogramm Handwerk“ ist heute viel mehr als nur ein Projekt: Die Aktivitäten zur Gewinnung von Studienzweiflern gehören inzwischen zum festen Arbeitsportfolio des Nachwuchswerbeteams der Handwerkskammer für Unterfranken. Die Zielgruppe der Studienzweifler wird ebenso wie Schülerinnen und Schüler ganz selbstverständlich im Rahmen der Nachwuchswerbung angesprochen und mit passenden Informationsangeboten versorgt. Wiederkehrende Veranstaltungen, auch mit den Partnern, die sich über das Projekt gefunden haben, sind feste Punkte im Jahresablauf. Durch die als Pilotprojekt in Unterfranken gestartete Ansprache der Studienaussteiger konnten wir auch über den Einzugskreis unseres Bezirkes hinweg viele Personen erreichen, die sich umorientieren möchten. In ganz Deutschland sprechen Handwerkskammern mittlerweile gezielt auch Studienzweifler als potenzielle Auszubildende an.

Wie unterstützen Sie die Bewerber bei der Wahl des „richtigen“ Handwerksberufs?
Der erste Schritt ist, auf die Vielfalt der Handwerksberufe aufmerksam zu machen. Erst wer einen Eindruck davon hat, welche Berufe es überhaupt gibt und welche Möglichkeiten sich mit einer fundierten Berufsausbildung im Handwerk ergeben, kann sich als Bewerber gedanklich damit auseinandersetzen und für sich mögliche Visionen einer beruflichen Zukunft entwickeln. In einem zweiten Schritt geht es darum, Interessen, Neigungen und Fähigkeiten der jungen Menschen mit potenziellen Handwerksberufen in Verbindung zu bringen. Dies geschieht am besten im Rahmen von Beratungsgesprächen. Das Gespräch und der Austausch mit den Ausbildungsexperten der Handwerkskammer ermöglichen es den Bewerbern, die eigenen Vorstellungen kritisch zu reflektieren oder auch auf Alternativen zu stoßen, die bislang gar nicht im Fokus standen.

Wie erfolgt die von Ihnen „passgenaue Vermittlung“ der jungen Menschen in die entsprechenden Betriebe? Wie bringen Sie Bewerber und Betriebe zusammen?
Eine entscheidende Aufgabe, die die Handwerkskammer übernimmt, ist zum einen der fortlaufende Kontakt mit bestehenden Ausbildungsbetrieben und die ständige Akquise zukünftiger, neuer Ausbildungsbetriebe. Zum anderen sensibilisieren wir diese Unternehmen für die Zielgruppe der jungen Menschen mit Studienerfahrung und stehen ihnen auch nach Lehrvertragsabschluss beratend zur Seite. Studienaussteigern gegenüber aufgeschlossene Betriebe bringen wir schließlich mit den passenden Ausbildungsinteressenten, die wir im Vorfeld beraten haben, in Kontakt. Nach wie vor ist dann ein Praktikum ein bewährtes Mittel im Handwerk, um die jeweiligen Anforderungen, Vorstellungen und Wünsche beider Seiten besser abgleichen zu können.

Sie werben damit, die Auszubildenden gezielt auf eine Führungsposition im Handwerk auszubilden und der Möglichkeit den Meistertitel bereits nach drei Jahren zu erhalten, quasi ein Adäquat zum Bachelor. Wie kommt das an?
Tatsächlich steht nach unserer Einschätzung bei Studienaussteigern, die sich für das Handwerk entscheiden, nicht der Erwerb eines Bachelor-Titels im Vordergrund. Zunächst geht es vielmehr darum, einen Berufsabschluss zu erwerben, auf den man individuell aufbauen kann. Wir stellen fest, dass die Qualifizierungswege von Studienaussteigern durchaus höchst unterschiedlich verlaufen. Gut zu wissen für die jungen Menschen ist in jedem Fall, dass im Handwerk vieles machbar ist. Die berufliche Bildung ist sehr dynamisch aufgebaut und hat in den letzten Jahren mehr und mehr Anerkennung erfahren. So entscheiden sich manche direkt für einen schnellen Weg: Eine verkürzte Ausbildung und die Vorbereitung auf die allgemeintheoretischen Inhalte der Meisterprüfung bereits gegen Ende Ausbildung. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Gesellenprüfung kann dann bereits zeitnah ein Teil der Meisterprüfung abgelegt werden. Wiederum wollen andere erst einmal Sicherheit gewinnen: Sie durchlaufen die Ausbildung in der regulären Zeit und erwerben Berufserfahrung bevor sie den nächsten Schritt der Karriereleiter gehen.

Welche Vorteile kann es für Betriebe haben, einem Studienabbrecher eine Ausbildung zu ermöglichen?
Hierzu erhalten wir vielfältige Rückmeldungen von Betrieben, die bereits Erfahrung mit der Ausbildung von Studienaussteigern gesammelt haben. Für sie ist es beispielsweise ein Plus, dass bei den Azubis mit Kenntnissen aus dem Studium in der Ausbildung bereits auf vorhandenes Fachwissen aufgebaut werden kann. Auch stellen die Betriebe fest, dass Studienabbrecher als Azubis schon sehr früh in der Ausbildung selbstständig und lösungsorientiert Arbeiten umsetzen. Das hat wiederum auch eine positive Wirkung auf andere Auszubildende im Betrieb. Ein weiterer Vorteil: Potenzieller Führungsnachwuchs wird von Beginn an im eigenen Unternehmen ausgebildet.

Mehr Infos zum Karriereprogramm Handwerk gibt’s unter (externer Link): www.karriereprogramm-handwerk.de