Gipsindustrie schlägt Alarm: Gips als Baustoff wird knapp

Gipsindustrie schlägt Alarm: Gips als Baustoff wird knapp

Gips – ein Rohstoff, der aus dem Ausbauhandwerk nicht wegzudenken ist. Für Maler und Stuckateure ist er essentiell. Gips ist in zahlreichen Baustoffen, wie Gipsbauplatten oder auch zement-, kalk- und gipsbasierten Putzen, Estrichen und Mörtel, ein wichtiger, nicht zu ersetzender Bestandteil. Während derzeit landauf, landab fast ausschließlich über Engpässe bei Baumaterialien wie Holz, Stahl und Dämmstoffen gesprochen wird, sollte in gleichem Maße die Aufmerksamkeit dem Rohstoff Gips gewidmet werden. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass Gips nicht ausschließlich wegen der Coronapandemie zur Mangelware geworden ist.

Gips wird auch in Zukunft noch knapper werden. Das drohende Unheil hat die Gipsindustrie kommen sehen. „Wir befinden uns in einem Rohstoff-Dilemma und steuern mehr und mehr auf eine Versorgungskrise beim Gips zu“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Gipsindustrie e.V, Dipl.-Ing. Holger Ortleb. Der Gipsverband hatte bereits im letzten Jahr Alarm geschlagen, um auf das drohende Problem aufmerksam zu machen und vor kurzem in einem offenen Brief an die Bundes- und Landesministerien für Wirtschaft, Umwelt und Bauen seine Sorge kommuniziert. Malerblog.net hat dies zum Anlass genommen und mit Holger Ortleb über das Dilemma, die Hintergründe und Ursachen, die Folgen für das verarbeitende Handwerk und über politische Handlungsansätze gesprochen.  

Dipl.-Ing. Holger Ortleb, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Gipsindustrie e.V, Foto: privat

Herr Ortleb, wie kommt es überhaupt zu einer Versorgungslücke bzw. Verknappung beim Gips?
Heute werden in der Bundesrepublik circa 10 Mio. Tonnen Gipsrohstoffe verarbeitet. Davon benötigt die Gipsindustrie circa 7,3 Mio. Tonnen. Der Rest wird in anderen Branchen benötigt, wie zum Beispiel für die Zementherstellung. Die Gipsindustrie hat seit den frühen 80er Jahren begonnen, Gipse aus der Rauchgasentschwefelung (REA-Gips) zu verarbeiten, was die Naturgipslagerstätten deutlich entlastet hat. Mit dem Beschluss zum Kohleausstieg, der grundsätzlich von der Gipsindustrie mitgetragen wird, fallen aber auch immer weniger REA-Gipse an. Der Prozess hat bereits 2017 begonnen, so dass bereits von ursprünglich circa 7 Mio. Tonnen REA-Gips pro Jahr in 2019 nur noch etwa 5 Mio. Tonnen verfügbar waren. 2020 hat sich dieser Rückgang insbesondere durch die geringere Stromabnahme während der Corona-Krise weiter stark beschleunigt. Mit der Beendigung der Kohleverstromung im Jahr 2038 oder früher wird REA-Gips nicht mehr in Deutschland produziert.  

Welche Auswirkungen hat das für das Ausbauhandwerk, gerade auch vor dem Hintergrund einer stark steigenden Nachfrage?
Die Nachfrage nach Gipsrohstoffen wird bis zum Jahr 2035 weiter steigen. Dies hat das DIW im Auftrag des Bundesverbandes Baustoffe – Steine und Erden berechnet. In Deutschland fehlen hunderttausende von Wohnungen. Moderner Hochbau soll flächensparend und seine Grundrisse flexibel gestaltbar sein. Gleichzeitig soll dieses Bauen langlebig, ressourceneffizient, brandsicher und bezahlbar sein. Klimafreundlicher Trocken- und Leichtbau erfüllt diese Forderungen. Der zentrale Baustoff dafür ist Gips.

Zusätzlich zu den Neubauaufgaben steht für den Klimaschutz die Modernisierung jedes zweiten Bestandsgebäudes an, wie die EU-Kommission in ihrer Strategie „Renovierungswelle“ des Green Deal vorschlägt. Gerade das Ausbauhandwerk und der Trockenbau stehen hier im Fokus, wenn es um die Modernisierung des Bestandes geht. Wenn die Versorgung mit Rohstoffen nicht mehr in dem Maße sichergestellt werden kann, wird dies sehr wahrscheinlich zu Versorgungsengpässen und steigenden Preisen führen, diese Entwicklung ist bereits jetzt zusehen.

Welche alternativen Möglichkeiten sehen Sie, um Gips zu gewinnen bzw. abzubauen? 
Das Ausbauhandwerk ist zentraler Partner beim Wohnungsneubau aber auch bei der Modernisierung und des Umbaus des Gebäudebestandes, um die beschriebenen gesellschaftlich gewünschten Bauvorgaben erfüllen zu können. Daher ist es wichtig, auch ausreichend Gipsrohstoffe aus heimischen Quellen zur Verfügung zu stellen. Zwei besonders zielführende Antworten gibt es dazu aus der Gipsindustrie: Zum einen die Optimierung der Recyclingquote und zweitens die Nutzung ortsnaher, regionaler Naturgipsvorkommen, weil nur Gips – ähnlich wie Metalle oder Glas – eine einzigartige stoffliche Zusammensetzung zur unendlichen Kreislaufführung in der Gruppe natürlicher Mineralien mitbringt. Daneben werden Gipsprodukte und zugehörige Systemkomponenten weiter in Hinblick auf eine abfallarme Herstellung und Verarbeitung, ein demontagefreundliches Produktdesign und eine ressourcenschonende Zusammensetzung ständig weiter optimiert.

Das Recycling aller zur Verfügung stehender Gipsabfälle ist schon jetzt ein Ziel aller Partner der Wertschöpfungskette, an dem seit Jahren kontinuierlich gearbeitet wird. Aufgrund der geringen Mengen und der benötigten Qualität wird Recycling nur ein Teil der Lösung sein können. Phosphorgipse und andere Gipse chemischen Ursprungs stellen aufgrund der damit einhergehenden Umweltbelastungen keine Alternative zu REA-Gipsen dar. Bislang lässt sich die durch den sukzessiven Wegfall von REA-Gips entstehende Bedarfslücke deshalb vor allem durch die zusätzliche Gewinnung von Naturgips und Recyclinggips nachhaltig schließen.

Die Umweltschützer sind bereits auf den Plan getreten und wettern gegen den Abbau von Naturgips in der Natur. Wie sehen Sie das? Passen Umweltschutz und Gipsgewinnung zusammen? 
Umweltschutz ist auch der Gipsindustrie ein wichtiges Anliegen. Wir arbeiten seit vielen Jahren in den Regionen an Lösungen mit dem Naturschutz. Schwierig wird es immer dann, wenn man die Rohstoffgewinnung grundsätzlich ablehnt und auch den Bedarf in Frage stellt. Wie nahezu alle anderen Baustoffe in Deutschland wird auch Naturgips im Sinne der Nachhaltigkeit ortsnah abgebaut und in den Werken der Gipsindustrie weiter veredelt. Beim heimischen Naturgipsabbau gehen die Unternehmen so umweltschonend wie nur möglich vor – kontrolliert von den zuständigen Institutionen und politischen Gremien sowie unter den Augen vieler kritischer Bürgerinnen und Bürger.

Es handelt sich um zeitlich begrenzte Eingriffe nach den weltweit strengsten Umweltvorgaben. Die Verfahren werden mit umfangreichen Maßnahmen für Fauna und Flora begleitet. So werden auf aktiven und ehemaligen Abbauflächen oft wertvolle Biotope für gefährdete Tier- und Pflanzenarten geschaffen und Eingriffe umfassend ausgeglichen. In Deutschland selbst gibt es ausreichend noch nicht genutzte Lagerstätten dieses wertvollen natürlichen Rohstoffes für die nächsten Generationen, wenn sie denn schon jetzt vorausschauend gesichert und zu gegebener Zeit zugänglich gemacht würden.

Halten Sie eine sogenannte „nachhaltige Alternative“ als Ersatz für Gipsplatten durch Platten aus zum Beispiel Holz oder anderen nachwachsenden Rohstoffen wie Lehm oder Hanf für eine Lösung?
Selbstverständlich arbeitet die Gipsindustrie mit Hochdruck daran, möglichst effizient die wertvollen Rohstoffe einzusetzen. Dabei steht immer auch die bautechnische Leistungsfähigkeit im Mittelpunkt, die bei Gipsbauweisen in Summe eine ganz besondere ist. Denn die Gipsbauweise ist leicht zu verarbeiten, multi-recycelbar und wohngesund. Das ist gerade für das Ausbauhandwerk enorm wichtig. Darüber hinaus weisen Konstruktionen mit gipsbasierten Bauprodukten hervorragende bauphysikalische Eigenschaften im Schall- und Brandschutz auf. Ihre Leichtigkeit und die genormte Qualität ermöglichen einen flexiblen Ausbau in beliebigem Grundriss. Die Systeme sind ideal zur Integration moderner Technik geeignet. Die unzähligen Baustoffe und Systeme sind durch Normen und Prüfzeugnisse umfassend nachgewiesen und seit Jahrzehnten in der Praxis bewährt. Die Systeme sind bei entsprechender Planung sortenrein rückbaubar.

Alternative Bauweisen sind heute bereits im Markt zu finden und haben sich aus vielen Gründen in ihrem Anwendungsbereich etabliert. So wird heute die Holzbauweise, insbesondere im Holzrahmenbau mit der Gipsbauweise sinnvoll kombiniert. Lehm ist kein nachwachsender Rohstoff und muss ebenso bergmännisch gewonnen werden wie Naturgips. Also muss auch hier temporär in die Natur eingegriffen werden. Lehm kann aber die Vielseitigkeit von Gipsbauweise bautechnisch nicht ersetzen, allenfalls in Randbereichen ergänzen. Holz als Rohstoff wird derzeit ebenfalls knapp. Durch Trockenheit und Borkenkäfer geschädigtes Holz ist ebenfalls nicht als Hochleistungsbaustoff zu verwenden. Auch bautechnisch gibt es Grenzen. Obwohl der Anteil der Holzbauweise leicht zunimmt, steht die Frage im Raum, ob überhaupt genügend geeignetes Material (ohne dies importieren zu müssen) zur Verfügung steht. Am Ende des Tages dürfen – so das gemeinsame Verständnis von Gips- und Holzindustrie – Wälder nicht durch vermehrten Einschlag und zurückbleibende Wiederaufforstung überbeansprucht werden.

Was passiert Ihrer Meinung nach, wenn jetzt nicht gehandelt wird? Wie ernst ist die Lage?
Die Lage ist sehr ernst. Der Rückgang der Mengen an REA-Gips ist bis 2038 bekannt. Was viele aber nicht wissen, ist die Tatsache, dass die Ausweisung und Genehmigung neuer Rohstoffvorkommen in Deutschland nicht durch den Bund entschieden wird, sondern Ländersache ist. Hier muss die politische Weitsicht zur Ausweisung neuer Rohstoffflächen da sein. Hinzu kommt, dass Genehmigungsverfahren oft viele Jahre dauern, bevor die Produktion anlaufen kann. Ein zehn-Jahreshorizont begonnen mit der Aufnahme in die Planung bis zur Realisierung der ersten Abbautätigkeit ist durchaus die Regel. Gemeinsam mit den Bundesländern müssen Wege gefunden werden, dass auch künftig eine Versorgung mit Gipsrohstoffen gewährleistet wird.

Herr Ortleb, vielen Dank.