Zukunft Handwerk? Meisterbrief? Das sagen Spitzenkandidaten und Parteien

Bundestagswahl 2017In Deutschland steht die Bundestagswahl vor der Tür. 61,5 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, am Sonntag, dem 24. September 2017, ihre Stimme abzugeben. In TV-Duellen und Polit-Talkshows kommen Themen, die von allgemeinem Interesse sind, zur Sprache. Doch auch das Handwerk „drückt der Schuh.“ Welche konkreten Maßnahmen zur Unterstützung und Stärkung des deutschen Handwerks streben die Spitzenkandidaten und ihre Parteien an? Und wie stehen sie zum Meisterbrief? Malerblog.net hat bei den Spitzenkandidaten nachgefragt und die folgenden Antworten erhalten. Die Herausforderer kommen zuerst zu Wort. Die Reihenfolge orientiert sich an dem bei der letzten Bundestagswahl erreichten Ergebnis. Für die CDU antwortete nicht die Kanzlerin als Spitzenkandidatin der CDU. Es handelt sich laut CDU-Pressestelle um Antworten der CDU.

Frage 1: Das Handwerk ist eine Stütze des deutschen Mittelstands, verliert aber leider immer mehr an Attraktivität, was sich vor allem in sinkenden Ausbildungszahlen dokumentiert. Welche konkreten Maßnahmen zur Unterstützung und Stärkung des deutschen Handwerks streben Sie an?

Christian Lindner, MdL, Spitzenkandidat der FDP


Das Handwerk ist und bleibt ein starkes Rückgrat unseres wichtigen Mittelstands. Handwerksbetriebe bieten attraktive und zukunftssichere Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Auch Unternehmertum im Handwerk bietet hervorragende Perspektiven. Das müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft noch deutlicher machen. Wir müssen offen sagen, dass einem jungen Menschen eine Ausbildung, die Beginn einer Spitzenqualifikation im Handwerk ist, genauso viel bringen kann wie ein Studium, in dem er vielleicht weder glücklich noch erfolgreich ist. Und wir müssen die berufliche Bildung stärken. Denn Abitur für alle ist kein sinnvolles gesellschaftliches Ziel.

Cem Oezdemir, MdB, Spitzenkandidat von Buendnis 90/Die Gruenen 


Wir wollen das Handwerk stärken. Wir schlagen einfachere Regeln für Umsatzsteuer und Abschreibungen vor und entlasten mit weniger Industrieprivilegien beim Strompreis. Mit mehr Investitionen z.B. in energieeffizientes Bauen schaffen wir zusätzliche Arbeitsplätze im Handwerk und Baugewerbe. Damit Gründen attraktiver wird, wollen wir ein unbürokratisches Gründungskapital bis 25.000 Euro einführen und eine zweijährige Bürokratiepause durchsetzen. Hohe Qualität und gute Ausbildung im Handwerk wollen wir schützen. Wir fordern eine bundesweite Fachkräfteallianz von Staat und Wirtschaft zur Stärkung des Handwerks. Bei der geplanten Dienstleistungskarte der EU-Kommission setzen wir uns dafür ein, dass es nicht zur Einführung des Herkunftslandprinzips durch die Hintertür kommt.

Sahra Wagenknecht, MdB, Spitzenkandidatin von DIE LINKE, Foto: Trialon Berlin


Nur qualitativ hochwertiges Handwerk kann neuen Herausforderungen gerecht werden. Wichtig ist eine exzellente berufliche Bildung. DIE LINKE fordert eine grundlegende Reform der Berufsbildungsgesetzes, die die Verbesserung der Ausbildungsqualität in den Mittelpunkt rückt und einen Rechtsanspruch auf eine vollqualifizierende Ausbildung verankert. Zentrales Element ist die duale Ausbildung – sie hilft die Qualität der Produkte und Dienstleistungen hoch zu halten und den Auszubildenden eine langfristige, gesicherte Berufs- und Lebensperspektive zu bieten. Die Inhalte sind gemäß dem technischem Fortschritt und sich wandelnden Anforderungen weiterzuentwickeln. Auszubildenden sind bessere Perspektiven durch die Übernahme in sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung zu bieten.

Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD,  Foto: Susie Knoll


Das deutsche Handwerk lebt von seiner ausgezeichneten Qualität und seinem hervorragenden Ruf. Das müssen wir stärken und weiter ausbauen. Um die Sicherheit und Qualität in der Ausbildung zu gewährleisten, werden wir das System der zulassungspflichtigen Handwerksberufe sowie den Meisterbrief stärken. Für die SPD steht Sicherheit und Qualität in der Ausbildung im Vordergrund. Daher werden wir unter anderem die Ausbildungs- und Berufsorientierung verbessern, in die Ausstattung der Berufsschulen investieren, ein Recht auf Weiterbildung einführen, Gebühren für Techniker- und Meisterkurse abbauen und ein modernes Einwanderungsrecht schaffen. Das dient auch der Fachkräftesicherung.
CDU         Wir wollen individuelle Bildungs- und Lebenswege ermöglichen, nicht vorschreiben. Voraussetzung dafür ist, dass wir Ausbildungsberufe und akademische Berufe gleich wertschätzen. Unternehmen benötigen nicht nur gute Ingenieure, sondern auch beruflich qualifizierte Fachkräfte. Wir setzen auf ein durchlässiges Bildungssystem, das vielfältige Bildungswege eröffnet. Durch einen „Meisterbonus“ wollen wir ermöglichen, dass bei bestandener Meisterprüfung angefallene Gebühren ganz oder teilweise erstattet werden. Wer einmal ein Unternehmen übernehmen will und über eine berufliche Ausbildung verfügt, kann nach dem Meister die Höhere Berufsbildung absolvieren und sich damit für Führungsaufgaben qualifizieren. Das eröffnet neue attraktive Karriereperspektiven auch ohne Abitur und Studium.

Frage 2: Die deutsche Bauwirtschaft fordert die Wiedereinführung der Meisterpflicht in den seit 2004 zulassungsfreien Gewerken wie beispielsweise Fliesenleger oder Raumausstatter. Auf europäischer Ebene hingegen muss sich Deutschland für die Meisterpflicht immer wieder rechtfertigen. Wie stehen Sie zum deutschen Meisterbrief?

Christian Lindner, MdL, Spitzenkandidat der FDP


Der Meisterbrief ist ein wichtiger Bestandteil des erfolgreichen deutschen Ausbildungssystems und Ausweis von fachlicher Exzellenz und höchster Qualität. Deshalb stehen die Freien Demokraten selbstverständlich hinter dem Meisterbrief. Zahlreiche Vertreter aus Wirtschaft, Verbänden und den Betrieben selbst raten allerdings davon ab, die Reform von 2004 zurück zu drehen. Kernziel muss deshalb sein, das jetzige ausgezeichnete Qualifikations- und Qualitäts-Niveau zu sichern und zukunftsfähig zu halten. Auch über die europäische Ebene wollen wir keine Absenkung unserer hohen Standards, die einen maßgeblichen Anteil am positiven Beschäftigungsniveau haben.

Cem Oezdemir, MdB, Spitzenkandidat von Buendnis 90/Die Gruenen 


Beim Meisterbrief setzen wir uns für eine aussagekräftige und umfassende Evaluierung der letzten Reform ein, diese wäre zwingend notwendig, um das Für und Wider weiterer Änderungen abzuwägen. Die Handwerkrechtsnovelle (2004) der damaligen rot-grünen Bundesregierung sollte die wirtschaftliche Entwicklung des Handwerks stärken, Existenzgründungen erleichtern, Arbeitsplätze sichern und Schwarzarbeit bekämpfen. Im Ergebnis stieg die Zahl der Betriebe im zulassungsfreien Handwerk. Es gab auch Berichte über negative Effekte für Qualität und Ausbildung. Bei der Ausbildung ist durch die Wiedereinführung der Ausbildereignungsverordnung (AEVO) eine erste Konsequenz gezogen worden. Eine aussagekräftige und umfassende Evaluierung liegt aber bis heute nicht vor.

Sahra Wagenknecht, MdB, Spitzenkandidatin von DIE LINKE, Foto: Trialon Berlin


DIE LINKE unterstützt den Erhalt des Meisterprinzips und die Stärkung des Meisterbriefs in den unterschiedlichsten Berufsgruppen. Für uns stehen die umfassende Qualitätssicherung und Qualifikationsnachweise an erster Stelle, nicht die bloße Zertifizierung, Klassifikationen und Niederlassungs-/Zulassungsbedingungen als solches. Genau aus diesem Grund haben wir zu weit gehenden Liberalisierungen, der damit immer auch verbundenen Abkehr vom dualen Ausbildungssystem und den entsprechend darauf aufbauenden Berufsabschlüssen im Bundestag stets widersprochen. Langfristig müssen die Lücken in den bestehenden Fördersystemen der beruflichen Aus- und Weiterbildung geschlossen werden, BAföG und Meister-BAföG ausgebaut und den tatsächlichen Lebenshaltungskosten angepasst werden.

Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD,  Foto: Susie Knoll


Um die Zukunft des Handwerks zu gewährleisten, werden wir das System der zulassungspflichtigen Handwerksberufe sowie den Meisterbrief stärken. Die hohe Qualität der Meisterqualifikation wollen wir auch dadurch betonen, indem wir Meister*innen zukünftig auch zum Masterstudium zulassen. Bei all dem darf der digitale Wandel nicht vergessen werden. Dafür muss das Berufsbildungsgesetz weiterentwickelt werden. Auf europäischer Ebene werden wir uns dafür einsetzen, den Standard und die hohe Qualität im Handwerk zu erhalten. Bei Themen, die wir für wichtig halten, werden wir in Brüssel klar und deutlich unsere Standpunkte vertreten. Wir haben uns bei der EU-Kommission stets für den Erhalt von Berufsregelungen und Honorarordnungen eingesetzt – ohne den Binnenmarkt grundsätzlich in Frage zu stellen. Diesen Weg setzen wir fort.
CDU         Die Meisterbetriebe in Deutschland stehen für hohe Qualität, verantwortungsvolles Unternehmertum und regionale Verbundenheit. Die Union setzt sich deshalb für die Stärkung des Meisterbriefs als qualifikationsgebundenen Berufszugang ein. Wir werden prüfen, wie wir ihn für weitere Berufsbilder EU-konform einführen bzw. wieder einführen können.

Frage 3: Wann und für welche Arbeiten haben Sie zuletzt einen Handwerker beauftragt?

Christian Lindner, MdL, Spitzenkandidat der FDP


Mein letzter Kontakt mit dem Handwerk war heute Morgen der Bäcker und in meiner Wohnung vor einigen Wochen das Malerhandwerk.

Cem Oezdemir, MdB, Spitzenkandidat von Buendnis 90/Die Gruenen


Bei meiner Mutter waren die Installateure, um das Warmwasser zu reparieren. Da habe ich mich drum gekümmert.

Sahra Wagenknecht, MdB, Spitzenkandidatin von DIE LINKE, Foto: Trialon Berlin


Einen Klempner zum Einbau einer neuen Dusche und zur Säuberung verstopfter Wasserleitungen.
CDU         Mit einem begehbaren Regierungsprogramm setzt die CDU in diesem Jahr einen ganz neuen Akzent und macht Politik auf spannende Weise erlebbar. Unser Programmhaus wurde am 18. August 2017 in Berlin eröffnet und ist bis um 24.09. jeden Tag für Besucher geöffnet. Ohne den kompetenten Einsatz einer ganzen Reihe von Gewerken wäre diese Idee nicht umsetzbar gewesen. Maler, Klempner, Tischler, Schweißer, eine Schneiderin und viele andere Meister ihres Fachs haben entscheidend mitgeholfen, ein altes Kaufhaus in unser begehbares Regierungsprogramm zu verwandeln.