Weil’s glücklich macht – Südtiroler Pioniere dämmen mit Hanf

Karl Luggin in seinem Hanffeld im südiroler Vinschgau.Cem Özdemir brachte eine einzige Hanfpflanze auf seinem Balkon in Bedrängnis. Karl Luggin hat auf seinen Feldern im südtiroler Vinschgau Zehntausende davon. Und das ganz legal und offiziell. Am liebsten mag er den intensiven Duft. Und die Bienen, die sich in seinen Feldern wohl vorkommen müssen wie im Schlaraffenland. Es brummt und summt aus allen Richtungen. Luggin stapft durch sein Hanffeld und scheint der glücklichste Landwirt auf Erden.

Karl Luggin inmitten seines Hanffeldes in Südtirol.

Hanfpflanzen werden bis zu vier Meter hoch. Sie werden weder bewässert noch gedüngt.

Glück, das spielt auch für Alexander Erlacher eine große Rolle. Und genau wie bei Luggin ist der Hanf sein großes Thema. Erlacher ist Baufachmann und er ist ein Pionier. Ein Pionier in Sachen „Dämmen mit Hanf“. Wobei er sich selbst so nicht sieht und sagt: „Hanf ist bei uns hier in Südtirol eine ganz alte Nutzpflanze. Damit wurde hier schon vor 500 Jahren gebaut. Die alten Stadel stehen heute noch.“ Und dann erzählt er von seiner Vision, einer „Wertepartnerschaft Hanf“. Das einzigartige dabei sei, dass die gesamte Pflanze mit allen ihren Bestandteilen verarbeitet werde – ohne Rückstände, ohne Abfall. Erlacher nennt das „positive Ökobilanz“.

Vom Apfelbauer zum Hanfproduzenten
Wie wird man Hanfproduzent? Karl Luggin ist passionierter Obst-Biobauer. In seinem Familienbetrieb, dem Kandlwaalhoof in Laas, verarbeitet er seine Früchte zu Saft, Trockenobst und Essig. Außerdem baut Luggin Senfpflanzen an und stellt daraus hochwertige Senf-Sorten her. Seine Produkte sind in den führenden europäischen Feinkostgeschäften und der feinen Gourmetküche zu finden. Luggin ist sehr erfolgreich.

Wenn er davon erzählt, leuchten seine Augen. Früher war er ein ganz traditioneller Obstbauer, der seine Apfelerträge an die Genossenschaften gab. Er spritze, er düngte, er bewässerte. Er tat das, was alle anderen heute noch tun. Doch der Raubbau an der Natur war irgendwann zu viel für ihn. Er musste etwas ändern. Biologischer Anbau war seine Lösung. Irgendwann kam zum Obst dann der Senf dazu. Allerdings ist der Anbau von Senf eine echte Herausforderung. Das merkte Luggin schnell. Da die Senfpflanze dem Boden viele Nährstoffe entzieht, kann ein und derselbe Acker höchstens zwei mal in Folge zum Anbau von Senf genutzt werden. Luggin suchte nach einer Lösung. Und lernte Christoph Kirchler und den Hanf kennen.

Von der Vision zu praktischen Nutzung
Kirchler ist Visionär und Hanf ist sein Thema. Er trägt Kleidung und Schuhe aus Hanf, sogar seine Sonnenbrille ist aus der Pflanze hergestellt.

Kleidung, Schuhe und Sonnenbrille aus Hanf.

Die Brille aus Hanfpapier ist federleicht.

Christoph Kirchler weiß viel über Hanf, sehr viel, zum Beispiel dass „die extrem anspruchslose Pflanze in fast allen Klimazonen wächst, also auch im 900 Meter hoch gelegenen Vinschgau. Die Wurzeln der Hanfpflanze können eine Tiefe von bis zu drei Metern erreichen, dadurch lockern sie das Erdreich, führen wichtigen Sauerstoff in den Boden und transportieren Nährstoffe und Mineralien wieder an die Oberfläche. Ein einjähriger Hanfanbau hinterlässt einen komplett regenerierten Bioboden. Hanf gibt der Ackerfläche alle Nährstoffe wieder zurück, die der Senf entzogen hat.“

Als Luggin davon hört, ist er begeistert und beginnt auf seinen abgeernteten Senffeldern Faserhanf anzubauen. Weil aber Luggin nun mal Luggin ist und der sich nicht damit zufrieden gibt, eine Pflanze nur zur Regeneration seiner Böden anzubauen, hat er inzwischen – als erster in Italien – einen Hanf-Sirup auf den Markt gebracht.

Die alternative Dämmung
Der Anstoß zu alledem kam von Alexander Erlacher. Der entdeckte vor einigen Jahren Nutzhanf als Produkt. Lange Zeit beschäftigte er sich mit klimaneutralem Bauen und stieß dann irgendwann auf den Hanf. „Ich war fasziniert von den Eigenschaften dieser Pflanze“, sagt er und schnell war sein Freund Christoph Kirchler, der ebenfalls aus der Baubranche kommt, überzeugt. Gemeinsam gründeten sie die Ecopassion GmbH. „Es braucht einfach Pioniere, die sich einsetzen und etwas Neues wagen“, sagt Kirchler lächelnd. „Und genau das haben wir getan“.

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Das Trio: Werner Schönthaler, Christoph Kirchler und Alexander Erlacher

Die beiden fackeln nicht lange und holen Werner Schönthaler ins Boot. Schönthaler entstammt einem alteingesessenen Baustoffhandel zu dem auch eine Ziegelproduktion gehört. Auch er ist vom „Hanf als Baumaterial“ schnell überzeugt und gemeinsam tüfteln die Drei einen Dämmziegel auf Hanf-Kalk-Basis aus. Sie bringen die Produktionsanlage auf den nötigen Stand und starten eine erste Produktion. Herauskommt ein „neuer Trockenbauziegel, mit bester Ökobilanz und überzeugenden bauphysikalischen Eigenschaften“, wie Kirchler zu berichten weiß.

Der neue Trockenbauwerkstoff: Hanfziegel aus der ersten marktreifen Produktion.

Der neue Trockenbauwerkstoff: Hanfziegel aus der ersten marktreifen Produktion.

Alte Bautradition neu angewandt
Für Alexander Erlacher ist der Hanf ein „ideales Bauprodukt“ und vor allem eines, das „in Südtirol von altersher verwandt wurde“. Da verwundert es nicht, dass Erlacher Baubetriebe in der Anwendung genau dieser alten Bauweise schult. In Tschengls entsteht gerade ein solches ökologisches Haus – gedämmt mit Hanf. Allerdings nicht so, wie man sich das üblicherweise vorstellen würde. Es gibt keine Dämmplatten, die innen oder außen an eine Hauswand geklebt werden.

Erlacher erläutert den Mitarbeitern des ausführenden Baubetriebs wie sie vorgehen müssen: „Das Ausgangsmaterial ist der Hanfstengel, dieser wird technisch getrocknet, geschreddert und mit Kalk, Mineralien und Wasser zu einer breiigen Masse vermischt. Das ist schon alles“.

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Das Grundgerüst des Hauses, die tragende Struktur, wird in Fachwerkkonstruktion aufgestellt. Die Holzständer werden mit Schalbrettern eingeschalt. Der entstehende Holraum wird mit der breiigen Masse verfüllt und die Masse mit der Hand gestampft. Fertig ist die Wand. Die Bauhandwerker arbeiten sich Bretterlage um Bretterlage von unten nach oben und nach und nach entsteht die Wand – komplett aus der Hanf-Kalk-Mineralien-Mischung. „Durch das Stampfen von Hand entsteht eine höhere Dichtigkeit“, erläutert Erlacher und meint weiter: „Anschließend mineralisiert das Material“.


Was ausschaut wie ein dickflüssiger Brei ist für Ecopassion die neue Dämmwunderwaffe, hergestellt aus einfachen, in der Natur vorkommenden Materialien, wie Hanf, Kalk aus Trient und Mineralien von Dolomitengestein. Die Dicke der Wand kann ganz nach belieben gewählt werden, in der Regel liegt sie zwischen 30 und 40 cm.

Hanf aus baubiologischer Sicht
Auch der begleitende Architekt und Baubiologe Martin Stecher aus Prad am Stilfserjoch, ist begeistert von der Idee mit Hanf zu dämmen: „Alternative Materialien sind sehr interessant. Gerade bauphysikalisch gesehen macht es großen Sinn mit alten Materialien zu bauen“, sagt er und fügt hinzu: „Vor allem die Hanf-Kalk Kombination funktioniert gut. Immerhin ist das eine 500 Jahre alte Bauweise hier in Südtirol. Für mich selbst ist die Sache sehr interessant, eigentlich aber für alle, die Neuem gegenüber offen sind.“

Architekt und Baubiologe Martin Stecher aus Prad am StilfserjochStecher erklärt, dass durch die intelligente Bauweise die Hanfmasse als Mauer und Dämmung gleichermaßen dient: „Wir haben hier quasi einen natürlichen Dämmziegel. Neben der Tatsache, daß Hanf viel schneller wächst als Holz, hat er hervorragende bauphysikalische Eigenschaften. Der Wärmedämmwert ist hervorragend, Hanf ist ein perfekter Wärmespeicher, diffussionsoffen, schallisolierend und vor allem brandsicher wegen des Kalks. Das Material ist außerdem feuchtigkeitsregulierend, es kann sehr viel Wasser aufnehmen und es speichern. Dennoch entsteht kein Schimmel, es ist alkalisch.“

Christoph Kirchler fügt begeistert hinzu: „Das Beste ist, dass das Material mineralisiert, das heißt es wird wieder zu Stein, so wie Fossilien. Verglichen mit herkömmlichen Dämm-Materialien gibt es also nur Vorteile. Da Hanf fast überall angebaut werden kann, wird eine hervorragende CO2-Bilanz garantiert. Ist die Wand durchgetrochnet wird sie lediglich mit einer Naturfarbe gestrichen.“

In Zukunft wird geklont
Kirchler und Erlacher meinen es sehr ernst mit ihrem Vorhaben: „Wir haben schon so viel geschafft und wir werden noch mehr schaffen. Wir wollen, dass unser System klonbar ist und in anderen Regionen und Ländern umgesetzt werden kann – von den Leuten, die dort leben“, sagt Kirchler und fügt hinzu: „Sie sollen autonom werden können mit Hanf.“ Ihr Vorhaben zeigt, dass es möglich ist mit neuen Ideen und Visionen Märkte zu erschließen. Einen Dämmziegel aus Hanf haben sie bereits hergestellt, die Dämmung neuer Häuser mit dem Hanf-System läuft. Auch Kleidung aus Hanf soll demnächst entstehen. Ein Kreislauf eben, im Einklang mit der Natur.