Titandioxid krebserregend? EU-Entscheidung lässt auf sich warten

Titandioxid: EU-Entscheidung lässt auf sich warten

Ist Titandioxid krebserregend? Fast zwei Jahre sind es jetzt her, dass das Thema auf die politische Agenda in Brüssel wanderte. Der Ausschuss für Risikobeurteilung (RAC) der Europäischen Chemikalienbehörde ECHA empfahl im Juni 2017, das Weißpigment Titandioxid als einen Stoff „mit Verdacht auf krebserzeugende Wirkung beim Menschen“ durch Einatmen einzustufen. Die Stellungnahme des Ausschusses wurde der Europäischen Kommission zur endgültigen Entscheidung vorgelegt. Seitdem wird von der EU-Kommission eine Einstufung von Titandioxid als „vermutlich krebserregend“ angestrebt. Bislang fehlte es aber in dem für die Chemikaliengesetzgebung zuständigen REACH-Regelungsausschuss an der erforderlichen qualifizierten Mehrheit für eine entsprechend Einstufung als Gefahrstoff. So endete mit der letzten Ausschuss-Sondersitzung am 7. März 2019 das Verfahren ergebnislos. Im Mai stehen Europawahlen für das Europäische Parlament an und damit endet auch das Mandat der jetzigen EU-Kommission. An der Titandioxid-Front dürfte daher für die nächsten Monate zunächst einmal Ruhe einkehren. Doch die Entscheidung ist damit nicht vom Tisch, dürfte aber nicht vor Herbst zu erwarten sein.

Auch die neue EU-Kommission wird dann vor einer schwierigen Aufgabe stehen. Sie ist natürlich dem Gesundheitsschutz verpflichtet. Das steht außer Frage. Sie darf aber auch wirtschaftliche Aspekte nicht gänzlich außer Acht lassen. Die Farbenindustrie ist einer der Hauptabnehmer von Titandioxid. In 95 Prozent der RAL-Farbtöne befindet sich das Weißpigment. Weiterer Hauptabnehmer ist die Kunststoffindustrie. Titandioxid ist in nahezu allen verarbeiteten Kunststoffen enthalten, dabei  in fast 50 Prozent mit Gehalten über einem Prozent wie zum Beispiel in PVC-Fensterprofilen. Die von der Kommission beabsichtigte Einstufung hätte daher nicht nur immense Folgen in Bezug auf Produktionsverfahren, Produktqualität und Produktvielfalt, sondern auch im Hinblick auf die Entsorgung. Bauabfall mit mehr als 1 Prozent Titandioxid wäre dann als Sonderabfall zu behandeln und könnte nicht mehr wie bisher recycelt werden.

Bei dem Wort „Sonderabfall“ schrillen in vielen Bau- und Handwerksbetrieben die Alarmglocken. Ihnen dürfte noch die langwierige Entsorgungsdebatte um HBCD-haltige Dämmplatten und das vorübergehende Entsorgungschaos in Erinnerung sein. Daher ist die EU-Kommission gefordert, nach Wegen und Regeln zu suchen, die die menschliche Gesundheit schützen und der Wirtschaft keinen immensen Schaden zufügen. Diese Herausforderung gilt es zu meistern.

Auslöser der ganzen Diskussion waren französische Studien an Ratten, denen hohe Konzentrationen an Titandioxid-Staub inhalativ verabreicht wurden. Die Tierversuche zeigten, dass staubförmiges Titandioxid krebserregend wirken kann. Deutsche Verbände wie der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V. (BDE) sehen in der harmonisierten Einstufung als Gefahrstoff das Schutzziel jedoch nicht erreicht. Auch die Bundesregierung lehnt eine Einstufung ab und setzt vielmehr auf eine Harmonisierung der Staubgrenzwerte in Europa. BDE-Präsident Peter Kurth erklärte: „Wir unterstützen die von Deutschland eingebrachte Position und lehnen eine harmonisierte Einstufung von Titandioxid ab.“ Der BDE fordert ein Gesamtkonzept zum Umgang mit schwerlöslichen partikelförmigen Stäuben geringer Toxitität. Dabei könnte ein Ergebnis sein, europaweit einen harmonisierten allgemeinen Staubgrenzwert festzulegen, der Beschäftigte vor ebendiesen Partikeleffekten schützt. „Der Schutz vor Staub und allgemeinen Partikeleffekten ist primär eine Aufgabe des Arbeitsschutzes. In Deutschland haben wir bereits einen Arbeitsplatzgrenzwert von 1,25 mg/m³, dies könnte europaweit harmonisiert werden“, erklärt BDE-Präsident Peter Kurth. Bleibt abzuwarten, welche Entscheidung letztendlich auf EU-Ebene getroffen wird. 

Über die Auswirkungen der derzeit von der EU-Kommission angestrebten Einstufung auf die Malerbranche hat Malerblog.net bereits im Sommer 2017 mit dem Hauptgeschäftsführer der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie e.V. (VdL), Dr. Martin Engelmann, ein Interview geführt. Das Interview zum Thema „Titandioxid krebserregend? Droht eine Krise bei Baufarben?“ kann hier abgerufen werden: https://www.malerblog.net/titandioxid-krebserregend-droht-eine-krise-bei-baufarben/