Ostern und Handwerk: Italien und Spanien im Fokus

Ostern steht vor der Tür. Für Christen weltweit ist Ostern das wichtigste Fest im Kirchenjahr. In Deutschland sind Bräuche wie Osternachtsmessen, Osterspaziergänge oder Ostereiersuchen bekannt. Eier, die je nach handwerklichem Geschick gefärbt, bemalt, verziert oder beklebt werden, zieren nicht nur den Frühstückstisch am Ostersonntag. Die gekochten, bunten Eier werden im Garten oder im Wald versteckt und von Kindern mit viel Eifer und Freude gesucht. Ein Spektakel für die ganze Familie.      

Doch wie wird in anderen Ländern Ostern gefeiert? Längst nicht überall, geht es zu Ostern so ruhig zu wie in Deutschland. Ein Blick nach Italien und Spanien zeigt ein ganz anderes Bild von Ostern. In früheren Zeiten spielten bei den dortigen Osterfeierlichkeiten Handwerker keine unwesentliche Rolle. Diese einst begründete Ostertradition lebt bis heute fort.

Das Dorf Erice, Sizilien
Auf Sizilien gibt es Karfreitags- und Osterprozessionen in allen bekannten Städten. Nicht unweit der Hafenstadt Trapani in Westsizilien, liegt Erice, ein kleines Bergdorf auf 751 m ü. N.N.. Die Karfreitagsprozession, die sich in diesem kleinen Ort durch seine verwinkelten und engen Gassen bewegt, bringt den Menschen den Leidensweg und die Grabtragung Jesu sehr nah. Mit prächtigem Blumenschmuck verzierte Passionsskulpturen werden auf einer Art Sänfte von starken Männern stundenlang durch die Gassen getragen. Die Misteri, wie die historischen Skulpturen genannt werden, stellen Passionsszenen mit lebensgroßen Figuren nach. Sie sind mehrere Zentner schwer und werden unter größter körperlicher Anstrengung auf den Schultern von dutzenden Männern getragen. Diese bewegen sich zu den Klängen von Trauermärschen und Trommelschlägen im Wiegeschritt langsam fort.

Erice, ein malerisches, sizilianisches Bergdorf, ist Austragungsort einer sehr authentischen, traditionellen Karfreitagsprozession. ©Malerblog.net

Die Prozession wirkt wie eine echte Trauergemeinde, die durch die Altstadtgassen von Erice zieht. Im Mittelalter waren Zünfte und Bruderschaften der Handwerker ein wichtiger Bestandteil gesellschaftlichen Lebens. Die Teilhabe an religiösen Festlichkeiten war für sie eine Selbstverständlichkeit. Daher hatte jede Zunft eine eigene Passionsskulptur, die von ihren Mitgliedern getragen wurde. Der Zunftgedanke hat die Jahrhunderte überdauert und lebt in der Ostertradition in Erice wie auch in anderen sizilianischen Orten fort. Die Karfreitagsprozession in Erice ist für all jene, die fernab touristischen Trubels und Jahrmarktstimmung wie bei der weit über sizilianischen Grenzen hinaus bekannten Karfreitagsprozession in Trapani, Authentizität erleben möchten, ein ergreifendes Erlebnis. 

Das Zunftzeichen, ein Symbol, das früher für die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Handwerk stand, ist noch heute auf dem Rücken der Gewänder abgebildet. ©Malerblog.net

Die Hafenstadt Marsala, Sizilien
Bereits am Gründonnerstag findet in Marsala eine mehrstündige Prozession statt. Marsala ist vielen durch den gleichnamigen Likörwein bekannt, der seinen Namen der Stadt zu verdanken hat. Die Stadt am Meer ist nicht nur ein wunderschönes Fleckchen Erde. Es ist auch für seine beeindruckende, vorösterliche Prozession am Gründonnerstag weithin bekannt. Diese Prozession ist keine Prozession im klassischen Sinn. Sie ist vielmehr eine „rezitierte“ Prozession, die sich wie ein Straßen- oder Freilichttheater durch die Gassen bewegt und den Leidensweg Christi in schauspielerischen Perfektion den Menschen nahe bringt. Sie zeigt szenisch die letzten Stunden im Leben Jesu, von der Unterredung mit seinen Jüngern im Garten Gethsemane, dem Verrat durch Judas bis hin zur Kreuzigung und Grablegung. 

Die Prozession in Marsala erzählt die Ostergeschichte. Leidensweg, Tod und Auferstehung Jesu werden den Zuschauern in ergreifender Weise präsentiert. ©Malerblog.net

Tausende Menschen stehen am Straßenrand, sitzen auf Balkonen und schauen aus Fenstern, wenn Jesus, mit einem Holzkreuz auf dem Rücken auf dem Weg nach Golgatha, von römischen Soldaten lautstark angeschrien und geschlagen wird. Er fällt zu Boden, liegt ausgestreckt auf der Straße und steht wieder auf. Fast sechs Stunden zieht die Prozession durch Marsala und verlangt den Darstellern, die teilweise barfuß unterwegs sind, schauspielerisch und körperlich einiges ab. Die Prozession in Marsala ist eine ausdrucksstarke Inszenierung der Ostergeschichte, die Menschen das Osterwunder nahe bringt.

Das Leiden Christi wird durch eine Gesichtsmaske verstärkt sichtbar. ©Malerblog.net

Die Kleinstadt Archidona, Andalusien
Siziliens Osterprozessionen sind ein Erbe der Spanier, die im späten Mittelalter über das Land herrschten. In Spanien ist noch heute die komplette Karwoche ein einziges religiöses Fest. Gründonnerstag ist ebenso wie Karfreitag ein nationaler Feiertag in Spanien. In der Heiligen Woche, der sogenannten Semana Santa, säumen tausende Spanier und mittlerweile auch ebenso viele Touristen die Straßen. Die ganze Woche über finden Prozessionen statt und das landauf landab und nicht nur in den andalusischen Großstädten wie Sevilla, Granada oder Córdoba, die allesamt für ihre prunkvollen Prozessionen bekannt sind. Wer es weniger touristisch mag, sollte in ein Dorf oder ein kleines Städtchen fahren. Ein solches Provinzstädtchen ist Archidona in der Provinz Málaga. Die Prozessionen werden von Bruderschaften organisiert. Jedes Dorf hat mindestens eine Bruderschaft, in größeren Städten gibt es eine Vielzahl an Bruderschaften. Auch das Städtchen Archidona hat mehrere Bruderschaften, die von Palmsonntag bis Karfreitag für prachtvolle Prozessionen sorgen. Jede Bruderschaft hat ihr eigenes Gewand, ihre eigene Farbe und ihr eigenes Zeichen. 

Bei einer spanischen Büßerprozession zu Ostern dürfen die Kapuzenmänner mit Spitzhaube nicht fehlen. ©Malerblog.net

Am Abend vor Gründonnerstag startet in Archidona eine stundenlange Prozession, die bis weit nach Mitternacht andauert. Diese nächtliche Prozession wird mit zunehmender Dunkelheit zu einem mystischen Erlebnis. Dafür sorgen nicht nur hunderte Büßer, zu erkennen an ihrem Kapuzengewand mit Spitzhaube. Bei den Kapuzenträgern ist kein Gesicht zu erkennen, lediglich zwei schmale Schlitze geben den Blick auf die Augen frei. Dieser Anblick wirkt auf Menschen, die nicht mit dieser alten Tradition vertraut sind, zunächst befremdlich. Dies mag auch daran liegen, dass durch das Kapuzengewand eine äußere Ähnlichkeit zu den Gewändern des Ku-Klux-Klan besteht, der in den Südstaaten der USA einst sein rassistisches Unwesen trieb. Doch mit diesem Geheimbund haben die spanischen Kapuzenmänner rein gar nichts zu tun.
Die Prozession wird mit getragener Marschmusik und dumpfen Trommelschlägen begleitet. Ein Blickfang sind die Pasos, zentnerschwere, historische Heiligenfiguren, allen voran Maria, die wesentlicher Bestandteil einer jeden Prozession sind und auf Schultern getragen werden. 

 

Zur nächtlichen Stunde wird die Prozession in Archidona zu einem wahrhaft mystischen Erlebnis. ©Malerblog.net

Wegen der Corona-Pandemie wird die Semana Santa in Spanien nicht wie gewohnt stattfinden. In den meisten spanischen Gemeinden sind größere Menschenansammlungen in der Karwoche untersagt. So dürfte Ostern in diesem Jahr auch in Südeuropa zu einem sehr ruhigen Osterfest werden.