Leben & Reisen: Der Letzte einer sterbenden Zunft!

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Schlendert man durch Montepulciano, so trifft man unweit des Doms in einer Seitengasse auf ein kleines Atelier. Gleich neben dem Eingang an einer langen Werkbank sitzt Albo Mazzetti. Um ihn herum liegen Tausende kleiner Steinchen in allen nur denkbaren Farben. An den beiden Seitenwänden des langes schmalen Raums stehen Regale mit unzähligen Kästen darin. Und wieder finden sich unzählige kleine glitzernde Steinchen. Albo sitzt an seiner Werkbank, zerkleinert die kleinen Steine mit einem Hammer in noch kleinere Stücke und setzt daraus bunte Bilder zusammen. Er tut dies mit einer stoischen Ruhe und scheint ganz in sich selbst und sein Tun versunken zu sein.

„Was ist das für ein Material“, frage ich ihn gespannt. Albo unterbricht seine Arbeit und grinzt: „Das ist Glas, einfach nur gefärbtes Glas“. „Und daraus machen Sie diese Bilder?“, frage ich, „da brauchen Sie ja ewig?“, Albo lacht und meint, daß ich schon Recht hätte, daß er für ein Bild im Format 40 mal 70 Zentimeter schon einige Zeit brauche und dann macht er einfach weiter. Ich will es natürlich genau wissen: „Wo kommt das Glas her? Was gibt es für Farben?“ Albo unterbricht seine Arbeit erneut. „Es gibt alle nur denkbaren Farben. Das Glas kommt aus Murano, in der Nähe von Venedig. Die Färbetechnik ist mehrere hundert Jahre alt.“ Und bevor ich weiterfragen kann sagt er mir, er sei Mosaikleger, der letzte in Montepulciano, der letzte in der ganzen Toskana. Und einer der letzten in ganz Italien. Und während er das sagt, schwingt ein wenig Wehmut in seiner Stimme.

Albo Mazzetti ist 67 Jahre alt. Er ist nicht weit von hier in Pienza geboren. In seiner Jugend hat er die Schule für Mosaikleger in Montepulciano besucht. Dort studierte er die Kunst des Mosaiklegens in der römischen und der byzantinischen Periode. Einige Jahre später gründete er mit zwei Freunden die Mosaik Werkstatt und begann große Arbeiten zu realisieren. Stolz zeigt er einen Artikel über eine seiner Arbeiten in Massachusetts. Ich staune nicht schlecht. Über 200 Quadratmeter hat Albo mit seinen Kollegen mit Mosaiken belegt.

„Das sind ja riesige Flächen“, sage ich zu ihm, „haben Sie das alles alleine gemacht“. Albo schüttelt den Kopf: „Nein, in den 70ern waren wir hier in Montepulciano einmal 26 Mosaici, da waren auch so große Arbeiten kein Problem.“ Albo erzählt, wie er einst mit einigen Kollegen nach Sizilien aufgebrochen ist. Dort haben sie eine Kirche ausgestattet. Kurz darauf gings dann nach Amerika. Die Mosikleger wurden quasi von einem Auftrag zum anderen weitergereicht. Ihre Kunst war sehr gefragt. Große Mosiakarbeiten finden sich vor allem in Kirchen im griechisch-orthodoxen Umfeld. Und natürlich ging es oft auch um Restaurationen. Albo ist weit herumgekommen. Er hat alte Arbeiten restauriert und ergänzt und neue geschaffen.

Das ist einige Jahre her. Inzwischen ist sein Handwerk ein sterbendes. Die Schule in Montepulciano ist längst geschlossen. Albo war einer der letzten Lehrer. Seit zwei Jahren ist er in Pension. Aber er hat sein kleines Atelier. Dort stellt er Bilder her. Oft orientiert er sich dabei an bekannten Künstlern. Sein Arbeiten sind nach wie vor gefragt und das bei Preisen von zweitausend bis zehntausend Euro je Stück. Stolz zeigt er mir seinen prall gefüllten Auftragsblock. Die Kunden sind vor allem Amerikaner und ich lese auf den Aufträgen immer den Zusatz „shipping included“. Albo lacht: „Ja, bei mir ist die Lieferung im Preis mit drin – selbst nach Massachusetts“.