Die Zukunft ist bunt! Der Fassadenkünstler Carsten Kruse im Interview.

Der Fassadenkünstler Carsten Kruse im Interview.

Die Zukunft ist bunt! So lautet das Motto des Fassadenkünstlers Carsten Kruse, der gemeinsam mit Malerbetrieben unscheinbaren Häusern und grauen Betonbauten neue, bunte Schönheit verleiht. Sie werden zu Eye-Catchern. Man kann sich ihrer Anziehungskraft nicht entziehen. Doch nicht nur Häuser, auch Rutschentürme, Straßenbahnen, Busse, Aufzüge, Fahrkartenautomaten und andere Dinge erhalten deutschlandweit ein neues farbiges Outfit. Er setzt knallbunte Akzente, die für Aufsehen sorgen. Über den Künstler und Menschen Carsten Kruse, seine Vita, seine Arbeit, seine Wünsche und Träume wollte Malerblog.net mehr erfahren und führte mit ihm das folgende Interview.

Herr Kruse, erzählen Sie den Lesern von Malerblog.net doch kurz Ihre Vita. Welche Ausbildung haben Sie? 
Ich war ein sehr lebhaftes Kind und habe seit meiner frühesten Kindheit gemalt, gezeichnet und gekritzelt. Ich habe schon früh meine ganzen Schulhefte und Bücher innen und außen angemalt, beschmiert und vollgekritzelt. Alles war mit Comic-Figuren vollgemalt. Schulbänke genauso, wie die Möbel in meinem Kinderzimmer. Auch die Schulhefte meiner Klassenkameraden waren nicht sicher. Zu meiner Abiturzeit hatte ich schon meine erste Ausstellung, die legendären „Monster“. Auf Holzplatten gekleckste, riesige, abstrakte Comicfiguren. Ein Auto habe ich damals auch schon bemalt, ebenso eine riesige Wand bei einem Freund und in meinem Jugendzimmer. Vor lauter „Monstern“ habe ich es dann völlig versäumt, eine Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren. Es hat mir aber nicht geschadet, wie ich finde.
 
Wie kommt man dazu, derartige Fassadenkunst zu machen? Wie sind Sie darauf gekommen? 
Vor elf Jahren kamen die Besitzer meines Stammcafes auf mich zu und erklärten mir, Sie planen die Eröffnung eines Biergartens in Heidelberg und suchen jemanden für die Bemalung der Gebäude. Ein gemeinsamer Freund, der meine Arbeiten auf Leinwand kannte, hat mich empfohlen. Ich nahm den Auftrag dankend an und dies war der Beginn meiner Tätigkeit auf Fassaden. Als der Biergarten eröffnet war, kamen Leute der RNV- Marketingabteilung und sahen die Bemalung. Diese waren so angetan, dass Sie die Bemalung einer Straßenbahn bei mir in Auftrag gaben. Diese dreht heute noch in Heidelberg ihre Runden.
 
Wie würden Sie das, was Sie machen selbst beschreiben?
Das ist schwierig. Ich versuche den Öffentlichen Raum, speziell Fassaden und Gebäude weiter zu entwickeln. Fassaden sind in Deutschland heilig und dürfen nicht angetastet werden. Sie befinden sich in einem rückständigen, regelrecht vergessenen Zustand. Man kann es mit der Entwicklung des Herrenhemds vergleichen. Vor 100 Jahren war ein Hemd weiß. Ein buntes Herrenhemd war undenkbar. So ist es heute mit der Fassade. Und das, obwohl Fassaden die größte zu gestaltende Fläche überhaupt bieten. Mutlos zieren vielleicht ein paar Linien oder Dreiecke in gedeckten Farben Gebäude. Weiß und grau sind die Lieblingsfarben der Stadtplaner. Grau, wie grausam, grauenvoll oder graue Maus. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Künstlern, die Fassaden auf unterschiedlichste Art und Weise als überdimensionale Leinwände nutzen. Ich unterscheide mich allerdings von diesen dahingehend, dass ich nicht ein abgeschlossenes Gemälde auf eine Wand male, sondern die Gestaltungsprinzipien der Fassade von morgen auslote und entwickle. Dabei sehe ich Gebäude in einer „Neuen Buntheit“. Das ist etwas anderes als Street-Art, außer man betrachtet diese insgesamt. D.h. die Strasse wird zur Gallery. Das ist wohl auch ein Gestaltungsprinzip von morgen. Die „Neue Buntheit“ an Gebäuden aber, sieht ganze Straßenzüge in unterschiedlichste Volltöne getaucht, wobei dazwischen immer wieder ein knallbuntes Haus zu finden ist. Das Haus wird Ausdruck der Individualität seiner Bewohner.  Die Buntheit der Gebäude wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden und Lebensgefühl der Menschen aus und stiftet so einen echten Mehrwert. Die Bewohner gestalten ihren Lebensraum durch die bunte Farbe an ihren Häusern aktiv mit. Es entsteht eine hohe Identifikation mit dem Lebensraum. Das Bedürfnis nach Zerstörung und Vandalismus in Brennpunkten lässt nach. Die Welt wird noch ein bisschen lebenswerter. Ein schöner Gedanke, wie ich finde.
 
Was haben Sie alles schon gemacht? Und seit wann?
Alles aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Wichtige Projekte waren und sind die zwei Rutschentürme für das Freizeitbad Miramar in Weinheim. Hier habe ich nicht nur für die Farbgestaltung gesorgt, sondern auch für die Formgebung. Der erste Turm ist vollständig nach meinem Modell angefertigt. Der Zweite wurde von mir architektonisch mit Fenstern, Zinnen, den runden, roten Moonlight-Lampen ergänzt. Das war eine tolle Herausforderung.
Ansonsten würde ich die „Bunten Häuser“ von Malermeister Franz Rebl jun. in Regensburg und München hervorheben. Da ich auf eine Unmenge von Malern aus der Firma Rebl zurückgreifen konnte, sind die Motive extrem aufwendig und sehr gelungen. Zudem war das Haus in Regensburg damals sehr skandalös und ging monatelang durch die Presse. Das hat Herrn Rebl, als Eigentümer, zum bekanntesten Malerbetrieb in Bayern gemacht und ich war auch in aller Munde. Eine schöne persönliche Erfahrung war die Bemalung des Pater- Ruppert- Mayer- Stifts in Regensburg, ein Heim für autistische Kinder. Bei der Enthüllung des Gemäldes hat die Schulband „Firebirds“ ein eigens für das bemalte Haus komponiertes Lied zum Besten gegeben. „Wir leben in einem bunten Haus….“ Soviel Freude habe ich bei der Realisierung meiner Projekte noch nie erlebt. Das war super!
 
Wer sind Ihre Kunden? Was sind das für Leute?
Ganz unterschiedlich. Meistens sind es Unternehmer, die Kunst mögen oder Kommunen, die Verschönerungsbedarf an bestimmten Stellen haben. Ich arbeite auch für die Rhein-Neckar-Verkehrsbetriebe und für Malerbetriebe, die für sich eine ganz besondere Außendarstellung suchen.  
 
Wie ist das Feedback der Leute? Finden die das immer toll?
In der Regel ist das Feedback sehr positiv. Die bemalte Werbestraßenbahn für das Miramar hat vom Fachverband für Außenwerbung e.V.  die sog. „PlakaDiva“ für die beste Verkehrsmittelwerbung 2008 bekommen. Was will man mehr. Grundsätzlich bekomme ich natürlich nicht alles mit. Kunst wird immer umstritten sein, zumal knallbunte Häuser in Wohngebieten sehr extrem sind. Es geht aber auch nicht darum, es jedem Recht zu machen.
Meine Kunden sind sehr zufrieden mit meiner Arbeit und es haben sich jahrelange Geschäftsbeziehungen entwickelt.
 
Reden die Kunden Ihnen in Ihre Arbeit rein? Wenn ja, gehen Sie darauf ein?
Das ist sehr unterschiedlich. Mal ja, mal nein. Wenn es mich auch überzeugt, übernehme ich auch Anregungen meiner Kunden. Wenn nicht, versuche ich meine Kunden zu überzeugen. Am Liebsten ist es mir natürlich, wenn ich mich frei auf der Fassade ausleben kann. Das sind auch die besten Ergebnisse.
 
Wie bunt darf eine Hausfassade denn sein? Ist das jedem Hauseigentümer freigestellt? Oder gibt es dafür eine Regelung in Deutschland?
Wenn es im Bebauungsplan für ein bestimmtes Gebiet keine Vorgaben gibt, ist der Eigentümer frei in der Wahl der Fassadengestaltung. Kunst wird darüber hinaus im Grundgesetz besonders geschützt, auch wenn diese Kunst dem einen oder anderen nicht gefällt. Diese im Grundgesetz gewährte Kunstfreiheit ist ein hohes Gut und das ist auch gut so. Im Zweifelsfall entscheidet in Deutschland nicht ein Verwaltungsangestellter in einer Behörde über Kunst, sondern ein Richter.
 
Gab´s schon mal Streß mit Nachbarn, Behörden o. ä., da diese für Ihre Kunst wenig übrig hatten?
Das Bauordnungsamt in Regensburg wollte Herrn Rebl zwingen, sein „Buntes Haus“ in der Drehergasse wieder weiß zu streichen. Da es aber juristisch keine Handhabe gab und der Druck der Bevölkerung auf die Stadt Regensburg sehr groß war, blieb das „Bunte Haus“ nach einem halbjährigen Streit so wie es war. 
 
Gibt es eine Ausstellung?
Ich plane schon seit geraumer Zeit eine Ausstellung. Die letzte Ausstellung liegt schon viele Jahre zurück. Meistens bekomme ich meine Bilder aber schon aus der Hand gerissen, bevor die Farbe  richtig trocken ist. So kann ich nicht genug Werke ansammeln und diese ausstellen. Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe von Interessenten, die bestimmte Bilder haben möchten. Diesen muss ich auch noch welche anfertigen. Trotzdem halte ich daran fest, bald Ausstellungen zu machen. Bei meinen Projekten im Öffentlichen Raum fallen Unmengen von Müll an. Farbdosen, Pinsel, Lackwannen, Walzen und vieles mehr. In der Regel sind diese knallbunt eingefärbt und eignen sich bestens für die Weiterverarbeitung zu Gemälden. Das mache ich dann auch. So entsteht meine Recycling Art.
 
Leben Sie auch selbst so bunt?
Sehr bunt!!! Alle Möbel sind bunt.
 
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Projekte aus? Wie finden Sie die Projekte?
In erster Linie muss der Kunde meinen Stil mögen und nicht von mir verlangen, dass ich mich völlig verbiege oder irgendetwas komplett sinnloses mache, z.B. einen Schuldirektor auf eine Fassade malen. Das sollen andere machen. Ich arbeite ausschließlich in meinem knallbunten, verrückten Stil. Zudem muss mein Stil zum Objekt passen und umgekehrt. Es muss eine gewisse Wertigkeit entstehen. Aus einer Vielzahl von Anfragen suche ich dann die interessantesten heraus. Zudem betreibe ich Marketing, wie jeder andere „Unternehmer“ auch. 
 
Wer unterstützt Sie bei der Umsetzung Ihrer Ideen? Oder machen Sie das ganz allein?
Kleine Projekte führe ich alleine aus, große Projekte setze ich mit Malerbetrieben um. Alleine wäre das kaum zu schaffen. Da ich sehr professionell arbeite, brauche ich gute, ausgebildete Kräfte für meine Werke. Ich fertige dabei einen Entwurf an. Diesen skizziere ich 1:1 frei Hand auf die Fassade. Der Malerbetrieb malt die entstehenden Flächen aus und zieht Linien nach. Die Objekte in Regensburg, München und Umgebung sind beispielsweise alle mit Malermeister Franz Rebl aus Landau a. d. Isar entstanden. 
 
Wo kommt Ihr unbändiger Ideenreichtum und Ihre Kreativität her? Was inspiriert Sie?
Eine gute Frage mit der ich mich auch schon oft beschäftigt habe. Woher die Ideen kommen, weiß ich allerdings immer noch nicht. Plötzlich sind sie da. Und interessanterweise sind sie bei vielen anderen Menschen nicht plötzlich da. Es ist als könnte ich einen Strohhalm in ein Behältnis mit Ideensaft stecken und einsaugen. Dieser Saft steht in einem für andere Menschen nicht zugänglichen Raum, einer Art Paralleluniversum. Ich habe mich aber damit abgefunden, daß ich nicht mehr herausfinden werde, woher die Ideen kommen. Es spielt letztendlich auch keine Rolle, die Hauptsache ist, dass sie kommen.
 
Wie bleiben Sie sich selber treu?
Ich weiß nicht, ob ich mir selber treu bleibe. Ich weiß auch nicht, ob man das muß. Ich weiß nur, daß ich denke, mir selber treu zu bleiben. Das reicht. Und wenn ich feststellen sollte, daß ich mir nicht mehr treu sein sollte, ist es eben so. Dann ist es hoffentlich auch gut.
 
Hat man Sie schon mal kopiert? Wie gehen Sie mit so was um?
Ja, ich werde inzwischen auch kopiert.  Ich weiß nicht, ob ich mich geehrt fühlen soll oder ob ich mich darüber ärgern soll.  Als ich vor Jahren einen Linienbus gesehen habe, der meinem sehr ähnlich war, habe ich mich noch aufgeregt. Das hat sich mittlerweile gelegt. Außerdem werden meine Entwürfe, wie z.B. auf dem „Bunten Haus“ in München immer komplexer. Das macht das Kopieren schwierig.
 
Sie erzählten, daß Sie Bücher machen. Was sind das für Bücher?
Ja, das stimmt. Da ich seit meiner Kindheit am herum kritzeln bin und überall bemalte Zettel und andere Dinge liegen, diese aber auf Dauer verloren gehen, habe ich angefangen auf Hochglanzpapier zu Kritzeln. Diese Ergebnisse werden gesammelt. Inzwischen kommt auch Photografie dazu. So entstehen „Kunstbücher“ zwischen Comic, Kunst, Schmiererei und völligem, inhaltsfreiem Irrsinn. Da man für solche Bücher  keine Verleger findet, produziere ich kleine Auflagen selber. Ich finde meine Bücher super! Nach „AnarchiePipie“ arbeite ich gerade an einem neuen Buch. Da die Arbeiten daran aber immer aufwendiger werden, zieht es sich etwas in die Länge. 
 
Können Sie von Ihrer Arbeit leben?
Ja, Gott sei Dank. Das ist in meinem Beruf keine Selbstverständlichkeit.
 
In der Presse werden Sie als Pop Fassadenkünstler bezeichnet. (Pop Art à la Andy Warhol?) Schmeichelt Ihnen das? Oder finden Sie´s voll daneben?
Das ist mir  egal. 
 
Was bedeutet Kunst für Sie?
Es ist mein Leben. 
      
Was für Ziele haben Sie noch? Gibt es etwas, was Sie unbedingt mal gestalten würden?
Das gibt es. Ich möchte unbedingt ein großes Flugzeug bemalen, bzw. nach meinen Entwürfen lackieren lassen. Ein Flugzeug bemalt man ja mal nicht eben so. Aber das wäre es. Und dann am Frankfurter Flughafen sitzen und dem „Bunten Vogel“ beim Starten zu sehen. Oder sogar zufällig selber mal mitfliegen. Super!
 
 
Mehr über Carsten Kruse und seine Arbeiten erfahren Sie unter www.carstenkruse.com